Isaiah Thomas: Kleiner Mann ganz groß!

Stell dir vor, du bist nur 1,75 Meter groß, wirst an 60. Stelle der NBA Draft hinter Spielern wie Chukwudiebere Maduabum, Targuy Ngombo oder Ádám Hanga ausgewählt und landest auch noch bei der Chaos-Franchise aus Sacramento.

Stell dir vor, deine Karriere beginnt direkt mit einem Lockout, es gibt keine Summer League, kein groß angelegtes Trainingscamp und dein ganzes Leben lang hat niemand an deine Fähigkeiten als Basketballspieler geglaubt.

Deine NBA-Karriere wäre wahrscheinlich schneller vorbei als du „Game“ rufen kannst!

isaiah_thomas

In genau dieser Situation befand sich im Jahr 2011 Isaiah Thoams. Heute, knapp sechs Jahre später, ist er  zweifacher All-Star, Stammspieler und Publikumsliebling bei den Boston Celtics. Sein Weg zur Traditionsfranchise aus Massachusetts ist die wohl größte Cinderella Story der jüngeren NBA-Historie, gepflastert mit dem unermüdlichen Glauben an die eigenen Stärken und der Hoffnung auf die große Chance, es allen Kritikern zu zeigen.

„All I wanted was a chance. That’s all I needed. I will take care of the rest because I prepared myself for that moment.“

Sein Weg begann bei den Sacramento Kings, eine Franchise die jedes Jahr aufs neue die eigene Identität sucht. Eine Franchise, die Spieler, Trainer und Funktionäre wechselt, wie andere ihre Unterwäsche. Und so kam es, dass Thomas trotz überzeugender Leistungen immer wieder andere Konkurrenten vorgesetzt bekam, ob diese nun Jimmer Fredette, Tyler Honeycutt oder Aaron Brooks hießen.

Während dieser Zeit musste er das ein oder andere mal von der Bank aus zusehen, wie andere die Spielzeit bekamen, die er sich erhofft hatte. Trotzdem gab er den Glauben an sich selbst nicht auf. Von seiner Frau bekam er damals nur zu hören, er solle froh sein, überhaupt in der NBA Spielen zu dürfen.

Für Isaiah ging es aber schon immer um mehr. Für ihn war es keine Frage ob er in der NBA spielen kann, sondern auf welchem Level.

Nach drei Jahren wurde deutlich, dass man ihn in der kalifornischen Hauptstadt nicht mehr wollte und er versuchte sein Glück bei den Phoenix Suns. Das Experiment in der Wüste Arizonas war allerdings nicht von Erfolg gekrönt und so kam im Februar 2015 der Wechsel ins bitterkalte Boston zustande – zu diesem Zeitpunkt besaß Thomas nicht einmal eine Winterjacke und war völlig unvorbereitet.

Sein Debüt für Boston dauerte exakt 42 Minuten und 57 Sekunden. Mit zwei technischen Fouls musste er sich frühzeitig zum Duschen verabschieden und war am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen. Dachte er zumindest.

In der Umkleidekabine wartete bereits ein Athletik-Coach der Celtics auf ihn und musste schmunzeln. Seine Reaktion sagt einiges über die Mentalität in Beantown aus.

“Man … the Celtics fans are gonna love you. Your first game, you score 21 points and you get ejected? Boston loves that type of stuff.”

Bei seinem ersten Auftritt im heimischen TD Garden wurde Isaiah als Bankspieler eingewechselt – ein Gefühl, dass er zu gut kannte. Was er allerdings nicht kannte, war die Leidenschaft und der Enthusiasmus, mit dem er begrüßt wurde. Standing Ovations von beinahe 19.000 Fans!

Bei den Kobolden bekam er eine Chance zu zeigen wer er wirklich ist und was er auf dem Parkett zum Erfolg beitragen kann. Das Team befand sich in einem Umbruch, General Manager Danny Ainge und Headcoach Brad Stevens arbeiteten seit Jahren mit Hochdruck an einem neuen Meisterteam und Thomas sollte ein Teil davon sein.

Mehr noch, er sollte sich nicht an das Team anpassen, das Team sollte sich an ihn anpassen.

Von Seiten der Verantwortlichen, der Fans und auch der Teamkameraden erlebte er zum ersten Mal in seiner Karriere so etwas wie Wertschätzung. Wo bei anderen Teams Zweifel an seiner körperlichen Größe herrschten, war man bei den Celtics gespannt darauf, wie sich seine mentale Größe als Anführer auf das Team übertragen würde. Der viel zitierte Glaube an sich selbst, sollte auf die Mitspieler abfärben und passte somit perfekt zur stolzen Franchise aus Neuengland.

„They loved me for who I am. They loved me for being a scorer. They loved me for being small. They loved me for what I bring to the table.“

Seit Isaiah Thomas das grüne Trikot trägt, sind die Celtics immer in die Playoffs eingezogen und auch in dieser Saison sind die Weichen in Richtung Playoff-Basketball gestellt. Die Aufbruchstimmung in Boston ist zu spüren, das Team ist mit jungen Talenten, erfahrenen Veteranen, vielen Draftpicks und dem nötigen Gehaltsspielraum für einen ganz großen Superstar gewappnet.

Für Thomas selbst läuft es so gut wie nie, er ist auf dem Weg eine Celtics-Legende zu werden, wie es ihm Danny Ainge schon kurz nach dem Trade vorhergesagt hat. Mit 41 aufeinanderfolgenden Partien mit mindestens 20 Punkten, überholte er John Havlicek und ist nun alleiniger Rekordhalter in Boston. In dieser Saison erzielt er 10.7 Punkte im vierten Viertel und ist damit der erfolgreichste Spieler der vergangenen 20 NBA-Saisons in dieser Statistik, bei den 34 Saisonsiegen sind es sogar 12.1 Punkte im letzten Spielabschnitt.

Und betrachtet man die Punkte pro Spiel, so belegen nicht LeBron James, DeMarcus Cousins, Anthony Davis oder James Harden den zweiten Platz hinter Triple-Double-Machine Russel Westbrook, nein der zweitbeste Korbjäger der NBA heißt aktuell Isaiah Thomas.

„You can go a long way with believing in yourself, putting the work in, hard work and dedication.“

Zugegeben, die bisherige Karriere von Isaiah Thomas wirkt oberflächlich betrachtet etwas kitschig und könnte auch eine dieser Hollywood-Verfilmungen sein, die den American Dream glorifizieren. Im Nachhinein ist es immer einfach zu behaupten, man hätte schon immer an sich und sein Talent geglaubt, man hätte doch nur eine faire Chance benötigt.

Beschäftigt man sich jedoch etwas intensiver mit seinem Werdegang, dann wird einem bewusst wie wichtig und unersetzlich dieses Selbstvertrauen letztendlich war und ist. Bei einer Körpergröße von nur 175 Zentimetern ist die Wahrscheinlichkeit es in die NBA zu schaffen äußerst gering, viele geben schon vorher auf und nehmen die Herausforderung nicht einmal an.

Mit seiner zweiten Nominierung zum All Star in der Eastern Conference hat sich Isaiah Thomas nicht nur für die aktuellen Leistungen belohnt. Es ist auch der Lohn für den unermüdlichen Glauben an sich selbst, an die eine Chance die er sich immer erhofft hat und die er im Gegensatz zu Chukwudiebere Maduabum, Targuy Ngombo und Ádám Hanga auch genutzt hat.

Die Boston Celtics können froh sein, einen Spieler wie Isaiah Thomas zu haben.

Einen Spieler, der nach den Abgängen von Kevin Garnett, Paul Pierce und Co. eine neue Hoffnung in Beantown entfacht hat. Einen Spieler, der nach einigen enttäuschenden Jahren wichtige Eigenschaften wie Kampfgeist, Leidenschaft und auch Demut zurück nach Boston brachte. Einen Spieler, der trotz seiner geringen Körpergröße einer der größten Basketballer der jüngeren Vergangenheit ist und den Garden regelmäßig in ein Tollhaus verwandelt.

„The city was all love from the day I got there. Just the weather sucks.“

Und auch wenn ihm das Wetter nicht gefällt, hat sich zwischen ihm und der Stadt, den Fans, der Franchise eine Liebesgeschichte entwickelt, wie es sie wohl nur in Boston, Massachusetts geben kann. Denn eines ist seit seinem Debüt klar …

Boston loves that type of stuff!

Nicolas

Photo Credit: Keith Allison // The Undrafted Illustration

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