The Undrafted Issues – NFL: Worten müssen Taten folgen!

Lange Zeit galt in der NFL der Grundsatz „You can’t win with a black quarterback!“, der darauf abzielte, dass weiße Quarterbacks intelligenter wären und in Sekundenbruchteilen die besseren Entscheidungen treffen würden. Die Washington Redskins konnten zwar 1988 den SuperBowl 22 mit einem Quarterback afroamerikanischer Herkunft gewinnen – bis heute wird jedoch behauptet, er wäre kein regelmäßiger Starter gewesen und der Erfolg deshalb nicht allzu hoch zu bewerten.

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Als die Seattle Seahawks 2014 im SuperBowl 48 mit Russell Wilson als Sieger vom Feld gingen, war die Hautfarbe des Spielmachers in den Medien kein großes Thema (mehr). In der Saison 2016/17 sind Quarterbacks wie Cam Newton, Dak Prescott oder Russell Wilson längst als Leistungsträger anerkannt, gerade ihre Athletik wird oft positiv hervorgehoben. Die NFL kämpft aber nach wie vor damit, sich als eine Sportliga zu präsentieren die Vielfalt lebt und sich darüber bewusst ist, dass circa 70 Prozent der Athleten afroamerikanischer Herkunft sind. Gerade der „Fall Kaepernick“ hat dies eindrucksvoll unter Beweis gestellt!

Wie handeln die Verantwortlichen also bei den Themen Rassismus, Homosexualität und häuslicher Gewalt? Wir haben uns auf die Suche nach Antworten begeben.

Die heile Welt der National Football League

Wir beginnen aber an einem anderen Punkt, besser gesagt bei sechs Punkten. Ein Team erzielt einen Touchdown, die Spieler jubeln und plötzlich wirft ein Schiedsrichter eine gelbe Flagge –  „unsportsmanlike conduct“ – zu Deutsch unsportliches Verhalten. Dieser Vorgang wiederholt sich in nahezu jedem Spiel, weshalb die NFL auch schon den Beinamen No-Fun-League erhalten hat. Die Spieler dürfen weder tanzen (zu anzüglich), noch eine Pfeil-und-Bogen-Geste machen (gewaltverherrlichend) – also nichts was als schlechtes Vorbild für Kinder und Zuschauer dienen könnte. Auf der anderen Seite stehen bei jedem Football-Spiel knapp bekleidete Cheerleader am Seitenrand und die Werbepausen werden von großen Biermarken dominiert.

All this is hardly surprising. The NFL is inconsistent in a lot of things it does. – Richard Sherman

Für Richard Sherman, Cornerback der Seattle Seahawks ist „ … das alles kaum überraschend. Die NFL ist bei fast allem inkonsequent.“. Wenn es dabei jedoch nur um Werbespots für Light-Bier und 15-Yard-Strafen nach einem Touchdown gehen würde, wäre es vielen wohl egal. Die NFL lebt aber vor allem von ihren Athleten – in der Überzahl Afroamerikaner – die in Amerika nach wie vor benachteiligt werden und in schlechteren Bedingungen aufwachsen und leben, als Bürger anderer Hautfarben. Auch wenn einige Spieler diese Benachteiligung offen ansprechen und darauf aufmerksam machen, verschließt die NFL die Augen davor.

Bedenkt man jedoch, dass die NFL eine Vorbildfunktion einnehmen will und bei jedem SuperBowl bis zu einer Milliarde Menschen auf der ganzen Welt erreicht, sollte man doch glauben, dass es auch im Interesse der Liga steht, diese Themen aufzugreifen und einen Wandel herbeizuführen. Die NFL besitzt eindeutig die Reichweite und die Plattform, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. Man hat aber offensichtlich Angst davor Fans, Sponsoren oder Gönner zu verlieren und kehrt deshalb alles unter den Tisch, was für eine Kontroverse sorgen könnte. Zum Fall Kaepernick gab es zwar ein offizielles Statement, dabei wurde aber nur darauf hingewiesen, dass „ … Spieler darum gebeten werden während der Nationalhymne zu stehen. Es besteht jedoch keine Verpflichtung.“.

Auf den Hintergrund des Protestes wurde mit keinem Wort eingegangen, Rassismus und Unterdrückung von Minderheiten existieren im NFL-Kosmos wohl nicht. NFL-Commissoner Roger Goodell äußerte sich zwar etwas ausführlicher dazu, er machte aber auch nur darauf aufmerksam, dass „ … es wichtig ist, dass die Spieler Dinge sehen und ansprechen, die in unserer Gesellschaft besser werden können.“. Davon, dass die Liga sich daran beteiligt, war jedoch nie die Rede.

Man kann also nur hoffen, dass es weiterhin couragierte Spieler gibt, die ihre Stimme erheben und nicht davor zurückschrecken auf Missstände in der Gesellschaft hinzuweisen. Sollten sich immer mehr Spieler anschließen und ihr Schweigen brechen, könnte sich die NFL von innen revolutionieren.

Hat die NFL ein Gewaltproblem?

Beinahe 1700 Spieler stehen bei den 32 NFL-Teams unter Vertrag, das Durchschnittsgehalt liegt bei ca. 2 Millionen US-$. Kaum ein Monat vergeht, in dem NFL-Spieler nicht wegen illegalem Waffenbesitz, Drogenmissbrauch oder sonstiger Vergehen verhaftet werden. Die Regeln der Liga besagen nur, dass die NFL je nach Umstand des Vergehens die Länge der Sperre festlegt. Es gibt also keine klare Regelung darüber, wie lange ein Spieler für sein Vergehen gesperrt wird und somit auf sein Gehalt verzichten muss.

Einige der berühmtesten Fälle von gewalttätigen Spielern haben sich jedoch nicht in der Öffentlichkeit abgespielt, sondern in den eigenen vier Wänden – häusliche Gewalt! Jüngstes Beispiel ist der Kicker der New York Giants Josh Brown, der seine damalige Freundin über 20 mal tätlich angegriffen haben soll, auch während ihrer Schwangerschaft. Und obwohl die NFL für Ersttäter eine Sperre von sechs Spielen festgeschrieben hat, wurde sie in diesem Fall nicht angewendet. Browns Strafe? Sage und schreibe ein Spiel!

*DV = domestic violence (häusliche Gewalt)

Was sagt das über die NFL aus, in einer Zeit, in der Donald Trump alle ethnischen und sexuellen Minderheiten und auch Behinderte aufs übelste beschimpfen kann, ohne an Popularität zu verlieren? In einer Zeit, in der Trump erst durch Äußerungen über seine sexuellen Übergriffe gegenüber Frauen an Zustimmung verliert.

Man könnte meinen, die NFL ist sich auch hier ihrer Rolle als Vorbild nicht bewusst und verschließt sich davor, dass Frauen regelmäßig Opfer von Übergriffen werden. Zumindest zeugt die Sperre gegen Brown nicht davon, dass man sich über das Ausmaß der Außenwirkung bewusst ist. Die Übergriffe werden als Bagatelldelikt abgetan, nichts was man groß beachten müsste.

In der Zwischenzeit wurde Brown von den New York Giants entlassen und von der NFL gesperrt. Das alles geschah aber erst nachdem weitere Details aufgedeckt wurden und der Druck der Öffentlichkeit zunahm.

Homosexualität – Tabu-Thema und Karrierekiller!

Angesichts der fast 1700 Athleten in der Liga, darf man davon ausgehen, dass darunter auch homosexuelle Spieler sind. Bis heute hat sich jedoch kein aktiver NFL-Spieler geoutet. 2014 wurde mit Michael Sam zwar der erste Spieler gedrafted, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt, bis heute hat er aber keine einziges NFL-Spiel bestritten und steht bei keinem Team mehr unter Vertrag.

Football gilt als maskuliner Sport, in dem nur die härtesten Männer erfolgreich sind und den Körperkontakt wegstecken können. Selbst Superstar Odell Beckham Jr. mussten sich laut eigener Aussage Beschimpfungen von Gegenspielern anhören, weil er sich die Haare bleicht und nicht vor Muskelpaketen strotzt.

Der ehemalige NFL-Spieler Brendon Ayanbadejo setzt sich seit vielen Jahren für die Rechte von Schwulen und Lesben ein. Natürlich wurde auch er dazu befragt, wann sich der erste aktive Spieler öffentlich outet. Bereits 2014 sagte er, „ … es gibt sogar bis zu vier, die nur darauf warten sich zu organisieren und sich gemeinsam zu outen.“. Für diese Männer ist es enorm wichtig zu wissen, wie die Liga, die Fans und auch die Medien darauf reagieren. Bis heute hat sich keiner der angeblich vier Spieler öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt.

Bei über 50 Männern in einer Umkleide haben vor allem Coaches und Teambesitzer Angst davor, dass das Outing eines einzelnen Spielers die Kabinenchemie zerstören könnte. Deshalb wird auch in Einzelgesprächen während der NFL Draft Combine immer wieder die Frage gestellt „Do you like men?“. Offiziell gilt diese Frage als diskriminierend und ist verboten, trotzdem wird sie gestellt, wie einige ehemalige College-Spieler berichten.

Erfreulich ist jedoch, dass die NFL vor kurzem darauf hingewiesen hat, dass in Zukunft wohl kein SuperBowl nach Atlanta vergeben wird, wenn der Staat Georgia ein Gesetz verabschiedet, das die Durchführung gleichgeschlechtlicher Ehen behindern würde.

Leere Worthülsen gegen reale Probleme

Betrachtet man alle drei Themen gemeinsam, vermisst man oft klare Statements der NFL, denen dann auch Taten folgen – etwa bei häuslicher Gewalt. Solange bestehende Regeln nicht angewendet oder umgesetzt werden, wird sich am Verhalten der Spieler und der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit wenig bis nichts ändern.

Was Rassismus angeht, sind die Vereinigten Staaten ein tief gespaltenes Land. Für viele Menschen ist Rassismus nach wie vor existent, andere hingegen wollen mit diesem Thema nichts zu tun haben und sind der Meinung, dass die Minderheiten an ihrer momentanen Situation selbst schuld wären oder sogar bevorzug werden und deshalb Vorteile geniesen würden.

Es ist natürlich nicht primär die Aufgabe der NFL solche Probleme zu bekämpfen, dennoch wäre es wichtig, Spieler demonstrativ zu unterstützen, die auch unangenehme Themen ansprechen. Denn wer glaubt, dass Schweigen Probleme löst, hält sich auch die Augen zu, um unsichtbar zu werden.

Nicolas

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